top of page
Suche

Wutausbrüche, fehlende Sprache & Babygebärden – was Kinder uns (noch nicht) sagen können

Annett Stentz
1. Mai 2025
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 3. Okt.


weinendes Kleinkind am Tisch, vor einem Teller.

Wutausbrüche gehören zur kindlichen Entwicklung. Besonders zwischen dem 2. und 3. Lebensjahr erleben viele Eltern stürmische Zeiten. Aber warum flippen manche Kinder scheinbar bei jeder Kleinigkeit aus – während andere deutlich gelassener sind?


💡 Eine spannende Studie aus dem Jahr 2019 liefert dazu neue Erkenntnisse:

Wenn Sprache fehlt, wächst der Frust.

Was zeigt die Studie?

Die Untersuchung „Relations Between Toddler Expressive Language and Temper Tantrums“ (Manning et al., 2019) analysierte den Zusammenhang zwischen Sprachentwicklung und Wutanfällen bei Kleinkindern. Die Ergebnisse sind deutlich:

  • Kinder zwischen 12 und 38 Monaten mit geringerem Wortschatz hatten häufiger und heftigere Wutanfälle.

  • „Late Talker“ (Kinder mit verspäteter Sprachentwicklung im Alter von 24–30 Monaten) hatten ein 1,96-fach höheres Risiko für schwere Wutanfälle als Kinder mit typischer Sprachentwicklung.

  • Der Zusammenhang zwischen Sprachkompetenz und Emotionsregulation zeigt sich bereits im zweiten Lebensjahr.


Wenn die Worte fehlen, können die Hände helfen

Babyzeichen geben Kindern eine zusätzliche Möglichkeit, sich mitzuteilen, wenn das passende gesprochene Wort noch fehlt. Sie können beispielsweise „Milch“, „Fertig“, „Mehr“, „Nochmal“ oder „Aua“ zeigen.


In meinem Alltag mit kleinen Kindern erlebe ich, dass dadurch manche Missverständnisse schneller geklärt werden. Und ja, das kann Situationen definitiv entspannen.

Ein Kind möchte seinen Becher. Ich denke, es möchte mehr essen. Es wird ungeduldig, ich biete die nächste Banane an. Mit dem Zeichen für „Trinken“ kann es mir deutlicher zeigen, worum es geht. Ich verstehe, reiche den Becher und wir haben das Missverständnis geklärt.


Wenn ein Kind etwas mitteilen möchte und wir es nicht verstehen, kann das für beide Seiten anstrengend sein. Babyzeichen können helfen, genau diese Situationen zu erleichtern.

Das Kind erlebt dabei: Meine Mitteilung kommt an. Ich kann etwas bewirken. Der Fachbegriff dafür ist Selbstwirksamkeit. Beim Frühstück bedeutet das ganz einfach: Ich zeige „Mehr“ und bekomme noch etwas Banane.


Die Autonomiephase bleibt trotzdem

Natürlich wird auch ein Kind, das Babyzeichen benutzt, wütend. Es entwickelt eigene Vorstellungen, möchte selbst entscheiden und findet unsere Einwände nicht unbedingt überzeugend.

Vielleicht möchte es noch einmal Seifenblasen machen. Ich habe das Zeichen verstanden, aber wir müssen gerade los. Dann kann es trotzdem laut werden.

Babyzeichen machen aus einem Nein kein Ja.

Aber es macht einen Unterschied, ob ich gar nicht weiß, was mein Kind möchte, oder ob ich darauf eingehen kann: „Du möchtest nochmal Seifenblasen. Das war schön. Jetzt müssen wir gehen.“

Sein Wunsch wurde verstanden, auch wenn ich ihn gerade nicht erfüllen kann. Seine Enttäuschung darf trotzdem da sein.


Was die Studie zeigt und was ich im Alltag erlebe

Die oben genannte Studie beschreibt einen Zusammenhang zwischen gesprochenem Wortschatz und Wutanfällen bei Kleinkindern. Sie untersucht nicht, ob Babyzeichen Wutanfälle reduzieren.

Meine Erfahrungen mit Babyzeichen beschreibe ich aus meiner eigenen Praxis:

Wenn Kinder ihre Wünsche deutlicher ausdrücken können, gelingt uns die Verständigung in manchen Situationen leichter. Das erspart uns unnötiges Rätselraten und kann den Ärger über Missverständnisse verringern.


Mein Fazit

Ich möchte wissen, was ein Kind beschäftigt. Ob es noch Hunger hat, fertig ist oder mir etwas zeigen möchte.

Babyzeichen helfen mir dabei, auch wenn die gesprochenen Wörter noch fehlen. Ich verstehe deshalb nicht immer sofort alles. Manchmal frage ich nach oder schaue genauer hin. Aber die Kinder haben eine weitere Möglichkeit, mir zu erzählen, was gerade wichtig ist.

Die Autonomiephase wird trotzdem gelebt. Mit eigenen Ideen, deutlichen Neins und gelegentlich sehr überzeugender Lautstärke.


Du musst noch nicht sprechen können, damit ich dir zuhöre.


Mit Herz und Konfetti

Deine Annetti


Studie zum Nachlesen:Manning, B. L. et al. (2019). Relations Between Toddler Expressive Language and Temper Tantrums in a Community Sample. Journal of Applied Developmental Psychology, 65, 101070.


 
 
bottom of page